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DIE GLOREICHEN VIERZEHN...und da waren nur noch vier.

AUS „DER TAGESSPIEGEL“

Das Seemannsheim in Bremen ist das älteste in Deutschland. Hier steigen Matrosen kurzzeitig ab – bis zur nächsten großen Fahrt. Doch für manche wird es im Alter zur ersten festen Bleibe ihres Lebens.

 25-09-2006 Zeitung Heute: AUF DEM TROCKEN GEBLIEBEN
Von David Böcking.                            Im Zimmer von Franco Parpaiola gibt es eine Waschecke. Bescheiden, wie fast alles hier, aber sie erfüllt ihren Zweck. Das Becken reicht für eine Katzenwäsche, ein Bord bietet Platz für Zahnbürste, Kukident-Tabletten und Rasierwasser, das Franco großzügig verwendet.
Darüber hängt ein kleiner Spiegel. Manchmal steht Franco vor diesem Spiegel und könnte sich selbst in die Fresse schlagen.                                   Er fragt sich dann, wie das alles passieren konnte. Warum er immer nur ein Programm kannte: Häfen, Kneipen, Puffs. Und wieso er jetzt, wo er schon ein Jahr hier ist, wo eine Etage tiefer Menschen warten und vor der Tür eine ganze Stadt, wieso er da immer noch so verdammt unruhig ist.
„Es ist wie ein Fluch“, ruft der bullige Mann immer wieder, und man weiß nicht, wie viel davon italienische Theatralik ist.
Vielleicht sieht der 66-Jährige durch sein schwarzes Kassengestell besonders klar, vielleicht ist dies trotz allem kein Ort, an dem ein Seemann zur Ruhe kommt: Ein Klinkerbau in der Nähe des Bremer Hafens, das älteste Seemannsheim in Deutschland.         Für viele nur Unterkunft für wenige Tage, bis zur nächsten großen Fahrt. Auch Franco kannte das Heim 20 Jahre lang als Besucher. Bis er schließlich an Land bleiben musste.
Wenn der Schritt in den Ruhestand schon manchem Sachbearbeiter schwer fällt, wie schwer ist er dann für jemanden, der Jahrzehnte auf See war? Der verlernt hat, was das heißt: ein Zuhause haben. Den muss man behutsam domestizieren.
Etwas Schiffsartiges hat das Gebäude von außen, mit seiner zurückspringenden dritten Etage.            Vor dem Eingang zwei Poller, als könnte das Heim jeden Moment ablegen.      Um den Türknauf ist ein Tau gewickelt, im Foyer zeigen Uhren die Zeit in Bremen, Manila und dem brasilianischen Santos. Vorbei an der Rezeption, wo es zehn Zigarettensorten gibt, in den ersten Stock.                                         Es riecht nach Essigreiniger, weil die Putzfrauen da waren, und nach Zwiebeln, weil Charlie aus Sri Lanka gerade kocht. Sein Kühlschrankfach ist abschließbar, wie an Bord.
Auf dem schmalen Flur lebt Franco rechts in Zimmer 114, gegenüber in 105 wohnt Werner Flömer. 20 Jahre ist er schon hier, alle nennen ihn Fischmehl-Werner, nach seiner letzten Ladung und um ihn von Runde-Füße-Werner aus Zimmer 106 zu unterscheiden, der wegen seiner orthopädischen Schuhe so heißt und wiederum nicht mit Fischkutter-Werner zu verwechseln ist, der früher in Zimmer 107 lebte.
Fischmehl-Werner will nicht mehr weg. „Ich hab hier ja alles“, sagt der 68-Jährige, dem das Brusthaar aus dem Karohemd quillt. Alles, das sind knapp zwölf Quadratmeter fleckiger Teppich, fertig möbliert mit Bett, Tisch, Kleiderschrank. Leute wie sie hätten keine Möbel, erklärt Franco.
Bei ihm war das mal anders. Mit 19 kam er nach Deutschland. Er wurde Bergmann in Aachen, lernte eine Frau kennen, heiratete sie, wohnte in einem Haus. Als ihr Sohn später bei einem Motorradunfall starb, war Franco längst wieder weg. Er war einfach zu unruhig, die Ehe ging nach zwei Jahren in die Brüche. Als Maschinist bereiste Franco die Welt, 30 Jahre Golf von Mexiko, Nordsee, Westafrika.
Unten im Seemannsclub warten schon Klaus und Erich. Franco und Fischmehl-Werner stoßen dazu, Runde-Füße-Werner schlurft herein. Moin, brummel, zisch. Unter nikotingelben Schnurrbärten die ersten Bierflaschen, es ist halb eins.
Im Hintergrund der Poprock von Bremen 4, Billardkugeln klicken. Die Decke wird von schrägen Pfeilern getragen, es gibt eine Wendeltreppe, ein Aquarium und eckige Sessel, die alle unpraktisch finden, die aber den Eindruck verstärken, man sei auf einem Schiff. Kein Hochseedampfer, eher so eine Touristenschaukel zwischen Dover und Calais.
„Du muss ersmo erwachsen werden“, sagt Runde-Füße-Werner, weil ihm jetzt einer dumm kommt. Routinierte Frotzeleien, noch sind die acht Bewohner unter sich, in ein paar Stunden kommen die Seefahrer aus dem zweiten und dritten Stock, Filipinos, Inder, Russen, Chinesen. Auch sie werden sich ein Bier holen und man wird friedlich nebeneinander sitzen, obwohl die einen heute die Jobs der anderen machen.
Vielleicht checken heute auch wieder ein paar Schüler ein, oder Seniorinnen auf Radtour. Das gab es früher nicht, doch dann wurden Schiffe umgeflaggt, brauchten weniger Personal und das Heim musste sehen, wie es überlebt. Plötzlich kamen Frauen, sogar Kinder, heute steht das Heim jedem Gast offen, eine Art Jugendherberge.
Die Bewohner haben gebrummelt, hielten erst mal Abstand. Doch sie verstanden, dass ihr Zuhause nur erhalten werden kann, wenn sie es teilen. Inzwischen achten sie darauf, morgens vollständig bekleidet zu erscheinen und freuen sich, wenn wieder ein paar kleine Französinnen durchs Haus huschen.
Angst haben, da ist sich das Personal einig, müssen die nicht. Ein Hilfeschrei und zehn Mann stehen auf dem Flur.
Ein Ehrenkodex, unausgesprochen, wie vieles im Haus. Wer seine Zimmertür anlehnt, will reden, zum Geburtstag kriegt man eine Salami, und als der Weihnachtsbraten durch einen Brunch ersetzt werden sollte, gab es einen Aufstand. Wer auf See seinen ganzen Tag durchgeplant bekam, der braucht auch an Land Strukturen. Oft reichen sie nicht. „Die Betten“, erzählt Fischmehl-Werner, „darf keiner selber machen“, das würde zu unordentlich. Die Einrichtung des Aufenthaltsraums wird einmal im Jahr komplett erneuert. In den Zimmern liegt Nadelfilz, belastungsfähig und schwer entflammbar. TOP 1 fürs Mitarbeitertreffen: „Zustand der Hausbewohner“.
Fürs Zimmer zahlt Fischmehl-Werner 290 Euro, Franco 340. Dafür, das wissen sie, kann man auch anders wohnen. Werner, der gerne im Lokal „Los Marineros“ Tango tanzt, sagt, für eine gute Frau würde er eventuell ausziehen, aber das mit dem Heim würde er sich offen halten. Franco, der vom Auszug träumt, hat zugleich Angst davor.
Nach seiner gescheiterten Ehe hat er immer wieder Beziehungen gehabt, in England, den Staaten. Aber er wollte niemandem mehr weh tun, sagt er. Jetzt könnte er nur noch zu seiner alten Mutter im Friaul ziehen, aber die Dame, sagt er, brauche Ruhe. Also Bremen. Hier hatte er ja schon oft zwischen den Fahrten gewohnt. Wieder die Frage, wie das alles passieren konnte. „Wahrscheinlich hab ich immer zu weit geguckt und nicht gesehen, was ich vor der Nase hatte.“
Wenn er heute in die Ferne guckt, dann im dritten Stock. Meerblau ist das Linoleum im Flur, und wenn man durch die Terrassentür nach draußen tritt, ist es wie an Deck. Es gibt eine Reling, das Dach hat Wellenform, am Fahnenmast hängt die Flagge der Seemannsmission.
Im Südwesten sieht man die Haake-Beck-Brauerei, den Eisberg.
Einen Euro kostet die Flasche im Club. Es ist besser geworden mit dem Alkohol, seitdem man das Bier nicht schon an der Rezeption kaufen kann, aber gut ist es nicht. Einer der Bewohner bekommt im Club nur noch alkoholfreies Bier, trotzdem spricht er manchmal mit seinem Kleiderschrank. Zuletzt haben sie einen Österreicher beerdigt, der nicht einmal mehr seine Türe fand.
Und manchmal kracht es. Dann prügeln sie sich, die Hüfte von Runde-Füße-Werner soll auf ähnliche Weise gebrochen sein. Fischkutter-Werner ging angeblich, weil der Hausmeister seine Blumen nicht respektierte. Kann aber auch sein, dass er genug hatte, als ihm nachts eine Deckenplatte aufs Gesicht fiel, weil Russen im zweiten Stock ein Ventil klauen wollten.
Viele solcher Geschichten erzählen sie hier, Seemannsgarn oder nicht, von Seeleuten, die im Park eine Ente jagten und sie kochen wollten, ungerupft, im Waschbecken, mit einem Tauchsieder. Oder von Jungs aus einem offenbar wenig entwickelten Land, die einen Warmwasserhahn abschraubten, um auch unterwegs warmes Wasser zu haben.
Mehr los als im Altenheim ist hier allemal. Doch Seefahrer-Romantik sucht man vergeblich. Viele sind zu früh hier gelandet, ausgemustert, perspektivlos. „Wir haben uns hier regelrecht verkrochen“, sagt Franco. Er suche noch Kontakt zur Realität, „die anderen haben es aufgegeben“. Seine Gedanken hackt er in den Computer, ein Buch hat er im Selbstverlag veröffentlicht, es heißt „Ein Haufen Vollidioten ist am Werk“ und handelt von deutschen Reedern, die ihre Subventionen verwendet hätten, um Arbeitsplätze zu vernichten. Total bescheuert, findet Franco – wie ein Mann, der sich selbst entmannt, nur um seine Frau zu ärgern.
Beim Schreiben hört Franco Chopin und Rachmaninow, oft tippt er bis sechs Uhr früh in seiner holprigen Grammatik. „Die Seemannshäuser der Seemannsmission sind voll von Menschen wie ich. Wir alle, als Restmüll einem einmal Blühenden Zunft, Leben nun als vergessenen lästige Überbleibsel des damaligen Christliches Seefahrt fast an Rande der Existenz Minimum und werden bald alle verschwunden sein.“
Wenn man die italienische Theatralik abzieht, ist das noch immer ziemlich ernst.

1.3.12 11:49


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