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A SEAMAN'S LIFE

ONE OF US.

Vorige Woche und zum dritten Mal in einem Jahr habe ich ein und der selber spanischer Kollege ins Krankenhaus begleitet.
Er wurde zum dritten Mal operiert und in einigen Monaten steht ihm ein vierter chirurgischer Angriff noch bevor.
Am Ende seinem persönliche „via Dolorosa“, die seit Anfang Juni letzten Jahres dauert, wird er vier schwere OPs überstanden und hinter sich gelassen haben und nach ärztlichem Ermessen wieder gesund und für die Seefahrt einsatzbereit sein.
Unten den gegebenen Umständen aber wird der nun fast 58-jährige Mann kein Schiff mehr bekommen, sodass er voraussichtlich fast zwei Jahre lang Arbeitslosengeld beziehen wird, später eventuell Hartz IV.
Das ist das normale Prozedere, die „via Dolorosa“ eines älteren Seemanns, der krank wird und 60 ist und kein Schiff mehr bekommt.
Es ist aber nichts Neues und es bezieht sich nicht nur auf und gilt nicht nur für Seefahrer.
So was passiert tagtäglich unter bundesrepublikanischem Himmel.
Es ist ja fast zur normalen Administration geworden, dass nach mehr oder weniger langer Krankheit oder warum auch immer, Seeleute, die meistens aus wirtschaftlichen Gründen als nicht mehr tragbar gestempelt worden sind, einfach entlassen und mit billigerem Personal aus dem fernen Osten ersetzt werden.
Auch Jüngere wohlgemerkt, auch junge gesunde deutsche Schiffsoffiziere werden nach der Erwerbung des Kapitäns- oder leitender Ingenieur-Befähigungszeugnis entlassen und in die Verdammnis der Arbeitslosigkeit gejagt, nachdem sie durch sogenanntes Billigpersonal aus dem Osten Europas oder, weil auch die Osteuropäer, langsam zu teuer werden, aus dem fernen Osten ersetzt wurden.
Der Tag wird aber kommen, wo die Amigos des VDR sich im eigenen Haus nach Seeleuten umsehen müssen und keine finden werden, zumindest nicht die „up to date“ breite Masse, die sie suchen werden.
 Interessant ist in diesem Fall nur die Entwicklung der Geschichte unseres spanischen Kollegen, der seit fast einem Jahr mit uns in den Katakomben der ersten Etage des Seemannsheims in Bremen wohnt, wo wir, die Glorreichen 14, immer noch mit wechselnden Mitgliedern, aber immer noch zu strammen 14 wohnen.
Er war gerade eben nur vier Monate lang im Dienst einer ostfriesischen Reederei  und zum ersten Mal überhaupt an Bord eines deutschen Schiffes, das unter dem zweiten deutschen Seefahrtregister fuhr und zwischen Portugal und den Azoren, im Containerfeederverkehr pendelte.
Nach Ablauf des vierten Monats trat er, wie in seinem befristeten Arbeitsvertrag vorgesehen war, seinen wohl verdienten Urlaub an.
24 Stunden vor dem Ablauf seines Urlaubs, der ihn praktisch zum Arbeitslosen gemacht hätte, falls er nicht wieder an Bord hätte einsteigen können, wurde er plötzlich krank und musste ins Krankenhaus noteingeliefert werden, wo er auch sofort notoperiert wurde.
Von da an ging es Schlag auf Schlag. Wie in einem medizinischen Karussell begleitetet ich ihn von Spezialisten zu Spezialisten und die gesamte beispiellose Maschinerie des deutschen Gesuchtheitswesens setzte sich in Bewegung, um seinen Arsch zu retten.
Manchmal zweifelte ich, dass er durchkommen würde, ich hatte mich aber in seinen Fall verbissen, zumal sein Zwillingsbrüder zwei Jahre zuvor, und auch noch in derselben Bude, wo er nun wohnte und fast an derselben Krankheit wie er, im Krankenhaus verstorben war, und ihm hoch und heilig versprochen, ihn, falls nötig, bis an das Tor des Krematoriums zu begleiten.
Danach aber hätte er mich in aller Ruhe und kreuzweise am Arsch lecken können, denn den Rest des Weges bis in die Hölle, den hätte er gefälligst alleine gehen müssen, denn so weit, dass ich ihm auch noch in die Hölle folgen würde, um ihm dort als Dolmetscher beizustehen, so weit geht meinem nächsten Liebe nämlich auch wieder nicht.
Schmunzeln musste ich vor Kurzem, als ich merkte, dass ich während der letzten 10 Monate mehr Zeit in Krankenhäusern und bei Ärzten mit dem Fachgenossen verbracht hatte als in meinem ganzen Leben, denn, Gott sei wirklich gedankt, ich bin noch nie ernsthaft erkrankt geworden.
Nichtsdestotrotz, der Anblick so vieler kranker Menschen und so viel Leid hat mein Blickfeld für die Nöte und Sorgen anderer Menschen erheblich sensibilisiert und aus mir einen besseren und aufmerksamen Zuhörer für das Leiden der anderen gemacht.
Es ist aber nicht die Einstellung des Idealismus dem Nächsten gegenüber, die ich hier erläutern möchte, vielmehr die Frage, wie es dazu kommen kann, dass die Amigos des Verbandes der Deutschen Reeder sich erlauben können, trotz wachsender Arbeitslosenzahl hierzulande, im Ausland, egal wo, nach Arbeitskräften zu suchen, während die eigenen in der Trostlosigkeit des sozialen Limbo von Hartz IV vegetieren müssen.
Unser spanischer Mitbewohner verdiente auf See als zweiter Maschinist 4.400 € monatlich, hinzu kamen monatlich 14 Tage Urlaub, ich glaube kaum, dass es arbeitslose Maschinisten hierzulande gibt, die für so eine Heuer nicht zur See fahren würden.
Gottlob konnte unser Mitbewohner gerettet werden − vier schwere chirurgische Eingriffe in einem Jahr mit all den Spezialisten und sonstigen Unkosten, Rehabilitationsklinik inklusive plus über 1.300 € monatlich, gegenüber gerade eben sechs Monate Krankenkassenbeiträge sind kein Pappenstiel.
Es ist nur wieder mal der Beweis, wie gewaltig und flexibel die Krankenfürsorge unabhängig von Nationalität und Hautfarbe der Menschen hierzulande ist.
All dies aber soll nicht die Tatsache verschleiern und über die Notwendigkeit hinwegtäuschen, dass es höchste Zeit ist, dass die Politik sich mit dem Freibrief, den sich die Amigos des Verbandes Deutscher Reeder selbst ausgestellt haben, über die Infrastrukturen der Bundesrepublik Deutschland nach Herzenslust frei zu verfügen und so schamlos auszunutzen, indem sie, von einer Seite nach Subventionen, verdeckt durch den schamlose Steuerermäßigung des zweiten deutschen Seefahrtregisters schreien, während auf der anderen die Allgemeinheit auch noch für ihre legalisierten Schandtaten aufkommen muss, einen Riegel vorschiebt.
Unwürdig, wenn nicht kriminell, ist auch das allgemeine Prozedere der ehrenwerten Herren unseren asiatischen Kollegen gegenüber, die sofort in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden, sobald sie krank werden und wie Pontius Pilatus sich die Hände in Unschuld waschen, indem sie schamlos auf spezielle Verträge zwischen dem Verband Deutscher Reeder und dessen Sklavenhändler auf den Philippinen, auf Kiribati oder sonst wo, verweisen.
Wobei hier vermerkt werden muss, dass die ITF, jene internationale Transportgewerkschaft der Seefahrt, die deutsche Flagge unter diesen Voraussetzungen zu den Billig- oder Piratenflaggen, zusammen mit Liberia, Panama, Vanuatu und Sri Lanka und anderen Bananenrepubliken, zählt.
In diesem spezifischen Fall man spricht nicht von irgendeinem Seefahrtregister, man spricht von Deutschland, okay?  

Wir in den Seemannshäusern dieser Welt wissen nicht alles, wir wissen nur vieles und das ist sehr viel, wir haben sogar, falls nötig, Wege, nachzuforschen, denn „as a matter of fact“ haben wir Freunde und Kollegen fast überall, fast in jeder Reederei, in jeder Schiffsagentur, und wenn nicht gerade Freunde oder ehemalige Kollegen, dann eben ehemalige Saufkumpanen und das sowieso von Haus aus, okay?
Also versucht uns bitte nicht einzuschustern, ihr macht euch nur lächerlich dabei.
Okay? Okay!
Saludos, Amigos.

1.5.10 23:46


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